Mein erstes Selbst-Verzwirntes…Spinne ich jetzt?

Ja, ich bin unter die SpinnerInnen gegangen, endlich, könnte man sagen, denn mein Wunsch das einmal auszuprobieren, besteht schon seit einigen Jahren, kurz nachdem das erste Chantimanou-Video mit der Anleitung zum Handspindeln erschienen war. Damals bin ich erstmal ausgerückt eine Handspindel zu kaufen, um mal wieder festzustellen, dass es sowas in Mainz oder Wiesbaden nirgends gibt. Frisch infiziert, wie ich war, habe ich dann sämtliche „Künstlerstände“ auf dem Johannismarkt abgegrast, weil meine Theorie war, dass unter so vielen Kunsthandwerkern doch irgendjemand sein mus, der sich auch mit Wolle auskennt…und siehe da: eine Händlerin konnte mir aus ihren Privatbeständen eine Spindel verkaufen, ich war „stolz wie Oskar“ und habe sofort losgelegt und geübt und geübt – nur, einen gescheiten Faden bekam ich damit nicht zustande. Im Nachhinein betrachtet lag das auch an dem ungeeigneten Gerät: die Spindel war viel zu groß und zu schwer, ich hab’s einfach nicht kapiert und verlor dann doch die Lust, Zeit war sowieso kaum da…also ließ ich von meinen Phantasien ab und sagte mir, dass mein Stash ja groß genug und das Wolleherstellen anscheinend doch sehr kompliziert sei, also einfach nichts für mich.

Zum Glück ließen einige virtuelle Strickfreundinnen, die das mitgekriegt hatten, aber nicht locker und schickten mir immer mal ein bisschen Spinnfutter zum Anfixen, Manu von Stadt-Land-Wolle auch zusammen mit einer besseren Anfängerspindel, so dass meine Sehnsucht es doch mal ausprobieren zu wollen, nie ganz zur Ruhe kam. Und dann kam das: 

 

Ein altes, aber funktionsfähiges Spinnrad, das mir von einer Bekannten quasi in die Hand gedrückt wurde, „hier, das steht bei mir seit 20 Jahren ungenutzt, probier doch mal, vielleicht bist Du der Typ, der es am Rad einfach schneller lernt“…und tatsächlich, es klappte sehr schnell, kein Vergleich zu meinen Spindelversuchen. Und das, obwohl meine Bekannte selbst nicht mehr wusste, wie es geht und mir nicht wirklich helfen konnte. Aber zum Glück gibt’s ja YouTube, und auch die liebe Chanti mit inzwischen gefühlten 1000 Spinnrad-Videos (,allein den Überblick zu kriegen, fällt aufgrund der Fülle schwer)…und, wenn alle Stricke reißen, noch Kurse bei makerist, craftsy usw.

Ich hab mich jedenfalls hingesetzt und ziemlich schnell meine erste Spule vollgesponnen, natürlich noch lange nicht richtig, aber deutlich auf dem Weg vom berühmtberüchtigten schwangeren Regenwurm zum hoffentlich bald geraden, ausgeglichenen Faden. Ich meine, dass Fortschritte jedenfalls erkennbar sind: 

   

Die erste volle Spule war aus Blue Faced Leicester, eine grundsätzlich gute Anfängerfaser, da relativ lang und angenehm auszuziehen, aber man sieht deutlich, dass viel zu viel Drall drauf ist (s. Knotenbildung🔝) – ich trete viel zu schnell und komme mit dem Ausziehen nicht nach, anfangs hab‘ ich mir mitunter regelrechte „Kämpfe“ mit dem Einzug geliefert, das soll natürlich nicht sein…auch durfte ich feststellen, dass die Bremse während des Spinnvorgangs mehrfach nachjustiert werden muss. Und dass manchmal minimale Veränderungen große Unterschiede bringen, u.a. half der Austausch des Jute-Bremsfadens gegen einen aus merceridierter Baumwolle beim Feinjustieren – danke für die Bremsentipps an die Nahlinse & Stricktanz!).

Eine spätere Merino-Probepackung vom Wollschaf hat schon deutlich weniger Drall, aber noch einen zu unregelmäßigen, zu dicken Faden: 

 

Bei meinem letzten Berlinbesuch kurz vor Weihnachten tätigte ich dann meinen ersten Live-Faserkauf: ein farblich sehr ansprechender Kammzug aus Wensleydale von der WollLust in Kreuzberg: 

    
 

Wensleydale gilt als anfängerfreundlich weil es eine lange Faser ist, also profimäßig ausgesprochen eine „lange Stapellänge“ 20-30cm, z.B. Dorsetschaf nur 8-12) hat, und es ist nicht zu weich und glitschig, sondern kompakt, was mancheinem wohl angenehmer ist als Fasern, die zu schnell durch die Hand rutschen. Ich fand zunächst wunderbar, dass ohne gesondere Anstrengung meinerseits gleich ein dünnerer Faden spinnbar war als mit den Fasern zuvor. Das wurde aber bald getrübt durch den ständigen Flusenabrieb, der sich nicht nur auf den Kleidern wiederfand, sondern auch immer wieder als Flusenball auf die Faser hüpfte und so eine Art Knotenbildung oder einfach doch wieder dickere Teilbereiche verursachte…zurückdrehen und neuverspinnen hierbei null Chance, denn die Faser verfilzt sich quasi direkt, sobald Drall drankommt, das fand ich auffallend stärker als bei anderen, so dass das Garn auch insgesamt eher fest wird – ob das wirklich so gut für Anfänger ist, wage ich zu bezweifeln. Das Schöne ist allerdings, dass ja noch sooooviele Fasern darauf warten, ausprobiert zu werden…und dass man durch die Beschäftigung mit der Faser vieles über Wolle lernt – ich glaube auch Einiges, was Nichtspinnern verschlossen bleibt.

So habe ich ganz aktuell z.B. einen ganz neuen Blick auf sog. Dochtwolle gewonnen, denn nix anderes produziere ich ja, wenn ich „einfädig“ spinne und nicht verzwirne, so wie z.B. bei dem Cowl, den ich mir aus einer Falklandfaser gesponnen und dann einfach von der Spule ab verstrickt habe…in meinem Fall zunächst, weil das Spinnrad der Bekannten nur eine Spule hatte (,weshalb ich mir inzwischen ein Kromski Fantasia beim Wollschaf geliehen habe)…dass solches Garn zwar verstrickbar, aber in Benutzung&Haltbarkeit logischerweise anders sein muss als mehrfach verzwirntes z.B. habe ich früher nie bedacht und mich ganz auf den Hersteller verlassen, für mich war Dochtwolle nur ein interessant aussehendes „anderes“ Garn, höchstens ein bisschen blöd zu verstricken, aber sonst hab‘ ich mir keine Gedanken dazu gemacht. Mit meinem neuen Rad kann ich jetzt wenigstens zweifädig verzwirnen und habe das kürzlich auch mit geschenkten „NoNameFasern“ getan, die auch noch zu den allerersten schwangeren Versuchen gehören:  

 

…ergab zwei hübsche Stränge, mir eigentlich noch viel zu dicker, Wolle, auf die ich trotzdem wegen dem starken Farbkontrast und der unfreiwillig ungewöhnlichen Struktur richtig stolz bin, meine erste richtige Wolle sozusagen…und für ein warmes Accessoire oder mal zum Verweben sicher gut geeignet.

Bin ich jetzt also unter die Spinner gegangangen? Ich weiß es noch nicht! Spinnen ist wahnsinnig interessant, der Vorgang ist wirklich meditativ (noch ganz anders als Stricken!) und die Vorstellung meine Wolle selbst produzieren zu können sowas wie die Erfüllung eines lang gehegten Wunschtraums. Nur der Weg genau zu letzterem ist noch lang und bis dahin wird viel Garn produziert werden, das durchaus brauchbar ist, aber noch nicht das, was ich wirklich will…und ein anderes Spinnrad muss wahrscheinlich auch her, ich bezweifle noch, dass das Kromski und ich wirklich kompatibel sind, unsere Anfänge waren, gelinde gesagt, schwierig.

Zunächst hatte ich nicht gewusst, dass man nicht ein Spinnrad, sondern einen Bausatz geliefert gekommt, und mich stört, dass ich trotz großer Sorgfalt zunächst alleine nicht in der Lage war, es richtig aufzubauen. Die mitgelieferten Muttern waren vertauscht, das Schwungrad schleifte, die Tritte quietschten trotz Vaseline furchtbar, einer der Knechte sitzt nicht wirklich bombenfest, das Spulenelement, das ich grundsätzlich alleine wegen der Sliding hooks genial finde, lässt zwar den Spulenwechsel kinderleicht zu, aber ein Wirtelwechsel ist nur unter männlicher Kraftausübung möglich, das hatte ich mir anders vorgestellt. Ebenso wie den Doppeltritt, von dem alle Welt schwärmt und der ja ergonomisch irgendwie sinnvoller erscheint. Ich hab mich mittlerweile dran gewöhnt, aber den Einfachtritt fand ich auch nicht schlecht, ich hab ja den Vergleich durch das andere Rad und weiß nun echt nicht, was mir lieber wäre…brauchen würde ich ihn jedenfalls nicht.  

    
 

Okay, es schnurrt jetzt, nach dreimaligem Auf-und Abbau, Ölbehandlung und gutem Zureden, und Andere wären bestimmt zufrieden…ich bin mir einfach nicht sicher und würde mir mehr Möglichkeiten in der Nähe wünschen, andere Spinnradtypen auszuprobieren. Denn alle Räder, die mir mit meinen neu erweiterten Erkenntnissen nun attraktiv erscheinen, sind teurer, und die blind übers Internet zu ordnern, traue ich mich auch nicht. Leider sind auch gebrauchte unverändert teuer, und wenn es mal ein Schnäppchen gibt, kriege ich das garantiert zu spät mit!;-)

Und dann sitze ich da, und das Rädchen schaut mich an und raunt: Schön findest Du mich aber schon, mein Schwungrad hat Dir immer schon gefallen…….und: ….schön ist’s aber schon, das Spinnen…und die ganzen Fasern, und die Möglichkeiten…und die süßen Schafe…und denk‘ an den Hund, vllt. könntest Du seine Haare auch mal verspinnen, das wäre doch ganz was Besonderes…und überhaupt, was man alles Neues lernen kann…

…und dann glaube ich, dass ich wirklich „spinne“ und „mein“ Rädchen nicht mehr in den engen Karton zurückverpacken mag… Es macht mir ja doch Spaß!

 

 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nadja sagt:

    Das kommt mir ja alles so bekannt vor! 😉 Ich habe inzwischen 3 eigene Räder. Mein Lieblingsrad ist das Louet S15, welches ich bei ebay wirklich günstig bekommen habe, aber das Rad vom Flohmarkt ist eigentlich auch nicht schlecht. Mein Mann meint ja, ich könnte doch zumindest eines dann wieder verkaufen, aber neeee, die geb ich nicht wieder her. Ist auch tagesformabhängig, mit welchem ich gerade mehr Lust habe zu spinnen.

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  2. Die Spinne sagt:

    Gratulation! Ich find’s super!

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  3. Jenny sagt:

    Ich finde deine ersten Garne sehr gelungen 🙂

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